DIBB Magazin Vol. 7: S-Bahn-Blues: Zwischen Arbeitssklaverei & Rausch-Eskapismus

Vol. 7: Morgens-S-Bahn-Blues: Zwischen Funktionieren & Eskapismus

Wir Deutschen haben ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein; wir identifizieren uns über unsere Arbeitsmoral. 

Unsere Identität drückt sich durch Präzision, Pünktlichkeit und die Liebe zum Detail aus. 

Wir sind Pragmatiker durch und durch. 
Preußen hat uns diese Disziplin einst eingeprügelt, damit die Armee und die Fabriken funktionierten – ein Erbe, das uns bis heute nicht schlafen lässt.

Wir waren bekannt für unser Ingenieursgeschick. Deutsche Autos sind Statussymbole, jedoch geht die deutsche Automobilindustrie den Bach unter. 

Und somit unsere Identität mit.

Pinterest: Erik #HotfootGT

Und hier in Berlin? 

Läuft sowieso etwas anders… 
Wir sind doch die Feier-Metropole!

Und trotzdem wissen wir nicht wirklich, wie man das Leben genießt, weil Feiern für uns auch nur eine andere Art ist, um vom Arbeitsleben zu flüchten.

Wir lieben das Tun, aber wir haben verlernt, einfach nur zu existieren. Wir messen den Wert eines Menschen daran, wie viel sozialen oder wirtschaftlichen Mehrwert er uns oder der Gesellschaft bietet. 

Wir hassen Arbeitslose. 

Wir kennen unsere Arbeitswelt, das Funktionieren, das Denken. Wir würden einen Herzinfarkt bekommen bei dem Gedanken, eine Siesta zu halten. Das Adrenalin hält uns am Leben, wie bei Walter White, der heilte, als er anfing Meth herzustellen. 

Arbeit als Droge, als Überlebensinstinkt.

Pinterest: zxki

Zwei Welten

Doch wo stoßen diese Welten frontal aufeinander? 
Montag, 6 Uhr morgens in der S-Bahn. Während Europa sich geopolitisch wieder dunklen Wolken nähert, manche schon den Krieg in unserem Lande sehen, fahren wir auf der Ringbahn – einer Strecke, die ursprünglich gar nicht für Pendler gebaut wurde, sondern als militärische Kriegsstraße, um Truppen und Kanonen schnell um den Kern zu werfen. Das hat einen ganz eigenen Vibe, wenn man’s weiß: Die Schienen, auf denen wir zum Büro gleiten, wurden für den Marsch in den Krieg verlegt.

Pinterest: Alex Casing | vancouver bcbloke

Die Gen Z hat’s gecheckt: Keinen Bock auf Arbeit, weil es sich nicht lohnt. „Ein Kumpel von mir verdient 3k im Monat, weil er eine Insta-Seite hat“ – Rente ist für uns auch nicht mehr drin. 

Früher konnte man sich mit einem Vollzeitjob in ein paar Jahren ein Haus kaufen; hier und jetzt kannst du es vergessen. Wirtschaftliche Krise, und wir sollen in den Krieg ziehen für ein Land, das uns alles versprochen und nichts gegeben hat? Und dann noch der Traum vom Traumjob: „Geh studieren, dann kriegst du einen Job mit Status, Geld und Sicherheit!“ Bei wem von euch hat’s eigentlich so geklappt?

Naja, zurück zur S-Bahn um 6 Uhr morgens: 

Es ist ein liminaler Raum. Sonnags um diese Uhrzeit findest du die Leute, die sich im Berghain total rausgeschossen haben und komplett am Abkacken sind, direkt neben denen, die zur Frühschicht fahren. Hier vereint sich die Unterwelt des Exzesses mit der moralischen Schuldzuweisung der modernen Arbeitssklaven – eine andere Unterwelt an und für sich.

Wir rollen durch Tunnel, die im Krieg als Bunker dienten und in denen Menschen ertranken, während oben die Welt brannte. Heute wischen wir dort durch Tinder und merken nicht, dass wir über Gräbern schweben. Uns ist es auch egal. Die Luft ist still schweigend und schwer von Gedanken. Wenn der Zug am Nordbahnhof oder an der Oranienburger Straße hält, spürt man noch den Geist der Teilung – Orte, die jahrzehntelang Geisterbahnhöfe waren, bewacht von Männern mit Gewehren, während die Züge in der Dunkelheit nicht halten durften.

Es ist paradoxerweise der einzige Moment echter Präsenz, weil die Müdigkeit uns alle gleich macht. Die 750 Volt Gleichstrom, die durch die seitliche Schiene brizzeln, sind auch der Puls, der uns künstlich am Leben hält. 

Und Kaffee.

Pinterest: misha

Und trotz alledem ist dieser Moment so poetisch, weil wir Kackberliner einfach keine Ahnung haben von echter Lebensqualität. Wir trinken Kaffee, um besser zu arbeiten, essen für die Energie zum Arbeiten und feiern exzessiv, um dem Arbeiten zu entgehen. Das Hamsterrad endet nicht, während die Lebensqualität steil bergab geht. Und wer feiern geht, feiert eigentlich gar nichts mehr. The Party is over, und wir rennen weg. Und selbst das ist wieder nur Sklaverei: Wir sind dem Eskapismus genauso unterworfen wie dem Stechkartensystem.

Zwei unterschiedliche Welten, die gleichen müden Gesichter.

In der Epiphanie des kühlen S-Bahn-Lichts wird das sichtbar. Müde vom Spätkapitalismus, während wir dem Technofeudalismus geradewegs in die Arme rennen. Von der Illusion von Freiheit und Glücklichkeit direkt in die Arme der ultimativen Sklaverei. 

Der Frust und die Gleichgültigkeit treffen um 6 Uhr morgens in der Bahn aufeinander, schauen sich nicht an und wissen doch alles voneinander. Ein kurzer Moment, in dem das System Berlin kurz die Luft anhält und die Geister der Vergangenheit durch die Waggons wehen, bevor der Wahnsinn von vorne beginnt.

Bis zum nächsten mal,
Tarkan

Ich bin in Berlin geborener Türke mit Leidenschaft für Gesundheit, Sport und gutes Design.

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