
Woher kommen Spätis?
Na aus der Mangelware.
Wer in Berlin ein gekühltes Flaschenbier kaufen will,
der muss nicht lang dürsteln.
Auch nicht spät am Abend.
Jeden Tag wache ich auf und danke meinen Eltern dafür, dass wir damals nach Deutschland gezogen sind.
In der Türkei gibt es nämlich keine Spätis.
Der Späti gehört zu Berlin wie der U-Bahnhof Kottbusser Tor zu Kreuzberg.
Doch das Konzept des “Spätis” ist eine Erfindung der DDR. Zu DDR-Zeiten hießen sie Spätverkaufsstellen und wurden von der Handelsorganisation (HO) betrieben.
Sie waren ursprünglich für Schichtarbeiter gedacht, um die Versorgung mit Mangelware wie Milch, Butter oder Wurst im Glas nach Schichtende zu garantieren. Sie hatten mit der heutigen Späti-Kultur, mit dem gekühlten „Weg-Bier“ und dem sozialen Treffpunkt, nix am Hut.

Im alten West-Berlin fuhr man stattdessen zur Tanke oder ging in die Kneipe. Erst nach der Wende übernahmen viele Migranten – vor allem Geschäftsleute aus der Türkei – leerstehende Ladenlokale und ehemalige Spätverkaufsstellen.
Sie wandelten das Konzept um, indem sie die Öffnungszeiten massiv ausweiteten und ihr Sortiment an die Bedürfnisse einer modernen Großstadt anpassten (z. B. mit gekühltem Bier und internationaler Ware) und Voilà, der heutige Name Späti etablierte sich.
In Berlin gibt es heute zwischen 1.000 und 1.500 Spätis, die meist von Familien betrieben werden. Deswegen setzen sich Politik und Jugendorganisationen in Berlin auch immer wieder für die Erhaltung der Sitzplätze vor Spätis ein, da sie für den gesellschaftlichen Zusammenhalt der Stadt von besonderer Bedeutung sind.
Der Späti und das Clubsterben
Falls du dich daran erinnerst, hatten wir das Phenomen des “Clubsterben” in der zweiten Folge unseres Magazins behandelt.
Das Konzept des „Clubsterbens“ beschreibt einen komplexen stadtkulturellen Wandel, bei dem unter vielen anderen Prozessen, die Spätis Funktionen der traditionellen Clubs übernehmen.
Diese Clubs geraten somit unter Druck, weil sie nach und nach dem Schließen untergeben sind
Hauptursachen für das Clubsterben sind:
- Gentrifizierung und Mieten: Steigende Immobilienpreise machen Clubs unrentabel.
- Lärmkonflikte: Neue Anwohner führen zu strengeren Auflagen oder Schließungen.
- Bürokratie: Hohe Anforderungen an Brandschutz, Sicherheit und Genehmigungen.
Wie es der Zufall so will sind Spätis zu beliebten Anlaufstellen geworden, denn sie füllen genau die entstandene Lücke, die Clubs nicht mehr füllen können.
Entstandene Lücke:
- Niedrige Eintrittsbarriere: Spätis sind jederzeit offen und und für jeden, egal welchen Alters, Aussehens oder sozialem Status zugänglich.
- Günstiger Konsum: Getränke sind deutlich günstiger als in Clubs oder Bars. Das „Wegbier“ ist eine kulturelle Praxis, die das soziale Leben in den öffentlichen Raum verlagert.
- Informeller Treffpunkt: Der Späti wird zur Ersatz-Kneipe. Der Austausch mit dem Betreiber ersetzt den Barkeeper als Vertrauensperson.
- Und jetzt füge noch eine Brise Musik hinzu und Voilà! Ein unverbindliches, mit Club zu verwechselndes Beisammensein.
Und heute zeigen wir euch ein scheinendes Beispiel wie ein Späti zu einem Sozialen Treffpunkt und Kultur Hub werden kann:
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Mustafa und der Anzenspäti – Geschichten vom Berliner Corner
Genau wie wir letzte Folge das Marketing-Genie der BVG kritisch beäugt haben, kommen wir heute dem Marketing Genie von Mustafa, dem Chef vom Anzenspäti auf den Grund.

Ich lebe ja in der Karl-Marx-Straße in Neukölln, was ein behaftetes Stück Landschaft ist. Neuerdings hab ich angefangen manchmal im Anzenspäti zu arbeiten. Der Späti hat’s in sich!
Warum? Weil der Späti so atzig ist. Vor dem Anzen-Späti ist immer viel los, Leute kommen und gehen und decken sich oft noch bis spätabends mit Getränken, Zigaretten und Süßigkeiten ein – genau der richtige Ort, um über Neukölln ins Gespräch zu kommen.
Geniales Marketing und Geschichte
Der Laden existiert schon seit 1975, als er von einem süßen Pärchen als Tabakladen gegründet und später an Mustafa Uyar weitergegeben wurde.
Mustafa ist der Kopf hinter der Sache und führt den Kiosk nun seit drei Jahren. Mustafa ist ein Berliner türkischer Abstammung, der, wie janekvanlaak auf Instagram schrieb, „weiß, was er braucht!“, denn ohne Seiten auf null am Samstag bei seinem Lieblingsfriseur geht bei ihm gar nichts mehr.

Er muss zum Friseur.
Das sind diese kleinen Gönnungen, die uns Berliner atmen lassen.
Sei es banal für andere: wir leben für die kleinen Momente, die wir uns selbst geben. Der Laden hat einen richtig, richtig Berliner Kultflavor und steht sinnbildlich für ein ursprüngliches Berlin. Und das sage ich, Tarkan, als gebürtiger Berliner ya salame.
Warum dieser Späti Baba ist
Dieser Laden lebt und erschafft Kultur, Community und Entertainment. Er macht regelmäßig Rave-Partys und ist bekannt für geniales Marketing in Zusammenarbeit mit lokalen Marken und Künstlern.
Bruder, er ist sogar auf der globalen Club-Plattform Resident Advisor als Venue gelistet und wird regelmäßig für kostenlose Späti-Raves von lokalen Kollektiven genutzt.
Und du denkst dir jetzt wahrscheinlich:
„Ja cool, Bro, einfach ein weiterer Späti, gibt’s doch überall in Berlin.“
Nein, Bro, da hast du ziemlich falsch gedacht!
Es ist der beste Späti in Berlin.
Frag mal Henke:
Der Gast bei dem Video, der Musiker Aaron, kennt Mustafa übrigens von einem Videodreh für sein Album wo die eine kleine Party mit ca. 150 Leuten im Laden veranstalteten.
Der Anzen-Späti wurde bewertet und erhielt eine Gesamtpunktzahl von 4,75 von 5 Punkten. Er wurde als süßer, kultiger kleiner Späti beschrieben. Fast 5 Sterne Bruder.
Mustafa ist ein Kleber für Neukölln. Seit er den Laden betreibe, gebe es eine „Hauscommunity“, in der die Leute sich kennen, duzen und abends gerne bei einem Bier zusammensitzen.
Boris’ eigene Worte aus der 88. Ausgabe vom fluter Magazin waren wie folgt:
“Mustafa ist ein bindendes Glied für Neukölln. Früher haben sich viele Nachbarn einfach nur gegrüßt und sind weitergegangen. Heute sitzen sie hier gern abends zusammen, trinken ein Bier und quatschen.”
Das Sortiment ist heftig, Die Bierauswahl ist extensiv, die Snackabteilung ist solide, und zusätzlich gibt es eine Kundentoilette, Sitzgelegenheiten und einen integrierten Paketshop. Alles was ein Deluxe Kult-Späti braucht.
Hier noch ein paar Videos von den Späti Raves:
https://www.instagram.com/reel/C037YZYN0J6/embed/captioned/?cr=1&v=14&wp=1080&rd=https%3A%2F%2Fmagazin.dasistberlinbitch.com&rp=%2Fvol-5-der-anzenspati-in-neukolln-als-marketing-star-und-sozialer-kleber%2F#%7B%22ci%22%3A2%2C%22os%22%3A534%2C%22ls%22%3A197%2C%22le%22%3A524%7Dhttps://www.instagram.com/reel/DAi-TnfqWub/embed/captioned/?cr=1&v=14&wp=1080&rd=https%3A%2F%2Fmagazin.dasistberlinbitch.com&rp=%2Fvol-5-der-anzenspati-in-neukolln-als-marketing-star-und-sozialer-kleber%2F#%7B%22ci%22%3A3%2C%22os%22%3A1573%2C%22ls%22%3A197%2C%22le%22%3A524%7Dhttps://www.instagram.com/p/DDXiwo1oBoA/embed/captioned/?cr=1&v=14&wp=1080&rd=https%3A%2F%2Fmagazin.dasistberlinbitch.com&rp=%2Fvol-5-der-anzenspati-in-neukolln-als-marketing-star-und-sozialer-kleber%2F#%7B%22ci%22%3A4%2C%22os%22%3A1579%2C%22ls%22%3A197%2C%22le%22%3A524%7D
(Shoutout an Zuendhoelzl meine Liebe!)
Was diesen Laden so besonders macht, ist nicht nur das umfassende Angebot und der Inhaber, sondern auf wesentlicher Ebene wie man nicht nur einfach den nächsten Späti führt, sondern Kultur lebt und erschafft.
Mehr dazu wie Mustafa und sein Späti den lokalen Zusammenhalt stärkt kannst du hier in der 88. Ausgabe vom fluter Magazin lesen, wessen Interviews im Anzenspäti gehalten wurden:
fluter_no.88_neukolln_s.08-19-2
fluter_no.88_neukolln_s.08-19-2.pdf
Unterm Strich 🎯
Der Späti dient als „Schauplatz“ und „Bindeglied“ des modernen Berlins.
Der Anzenspäti dient als „Schauplatz“ und „Bindeglied“ des modernen Neuköllns.
Ein Späti ist somit nicht nur ein Kiosk, sondern ein soziologischer Hotspot.
Während Mustafa durch seinen Laden das soziale Miteinander fördert, beklagen Kritiker den Partytourismus, der den Bezirk „total überlaufen und vermüllt“ mache. Währenddessen promoten hergezogene Hipster ihre eigene Hippe Biermarke im gleichen Späti.
Dies zeigt den Konflikt um Gentrifizierung und Kommerzialisierung direkt vor der Ladentür. Die Leute Sammeln sich auf den Straßen, der Mark adaptiert.

Diese sind eine direkte Antwort auf die wachsende Gentrifizierung, das immer teurer werdende Kulturgut des Ausgehens in Berlin, welches durch Inflation und andere Faktoren wie oben benannt herbeigeführt wird.
Ich hoffe dieser Beitrag gab dir eine kulturelle Bereicherung und du kannst nun auch Spätis aus einem anderen, wertschätzenderen Blickwinkel betrachten. Meine Familie führte auch einen Späti, sogar mit Zeitung und Lotto. Eins kann ich dir sagen: Es scheint zwar gechillt zu sein den ganzen Tag nur rumzusitzen, ist es aber nicht. Es ist viel Arbeit die einen hohen Mehrwert für uns Stadtkinder bringt.
Bis zum nächsten mal!
Tarkan